Drei adlige Plünderer - Ein Stück bayerische Geschichte
Ein oberbayerisches Dorf gedenkt seiner ersten urkundlichen Erwähnung im frühen Mittelalter
Von Klaus Gast, Kreisheimatpfleger
Wie die meisten Ortschaften unserer traditionsreichen Heimat, kann auch Eglfing kein genaues Gründungsdatum nachweisen und feiert deshalb seine erste urkundliche Erwähnung von 807, obwohl der Ort sicherlich schon deutlich länger als 1200 Jahre bestehen wird. Man könnte also sagen, dass die Gemeinde nicht ihren Geburtstag feiert, sondern ihren Namenstag, da mit der urkundlichen Erwähnung der Name Eglfing in die schriftliche Geschichte eintritt.
In uraltem Siedlungsland gelegen, reicht die Geschichte unserer Orte meist in Zeiten zurück, aus denen keine schriftlichen Quellen überliefert sind. Archäologische Funde lassen sich gewöhnlich nicht jahresgenau datieren und so lassen selten genaue Gründungsjahre erschließen.
Grundlage für das in Eglfing gefeierte Jubiläum ist eine Urkunde des Klosters Benediktbeuern aus der Zeit des Jahres 807. Diese ist als spätere Abschrift erhalten und in der 1752 erschienenen Benediktbeurer Klosterchronik von P. Karl Meichelbeck verarbeitet worden.
Die Gerichtsverhandlung von 807
Es war ein Rechtsstreit, der zur ersten Erwähnung Eglfings führte, drei adlige Männer hatten nämlich Benediktbeurer Klosterbesitz ausgeplündert und der Ordensgemeinschaft damit erheblich geschadet. Der damalige Vorsteher des Klosters, Abt Eliland wandte sich an Kaiser Karl den Großen und klagte sein Recht ein. Der Kaiser beauftragte nun den Augsburger Bischof Hanto und den kaiserlichen Richter Kisilhard eine Gerichtsverhandlung durchzuführen, als Gerichtsplatz wurde „Egolfing“ bestimmt. Dort wurden die drei Straftäter dann zu erheblichen Geldstrafen verurteilt
Daraus, dass Eglfing als Ort dieses öffentlichen kaiserlichen Gerichts ausgewählt wurde, und der Tatsache, dass Gerichtsplätze in der Regel durch längere Tradition eine gewisse hervorgehobene Stellung besaßen, lässt sich erkennen, dass Eglfing damals ein bereits „alteingesessener“ Ort war.
Die Besiedelung unserer Heimat in uralter Zeit
Unser schönes Alpenvorland war schon lange besiedelt, als römische Soldaten 15 v. Chr. hier einzogen und die Eroberer fanden eine schon lange andauernde Kultur der Kelten in unserem Raum vor. Bedeckte unsere Heimat nämlich vor rund 20.000 Jahren noch ein 600-800 Meter dicker Eispanzer, der bei seinem Abschmelzen und Rückzug unsere herrliche Landschaft formte, siedelten vor rund 6000 Jahren schon Menschen in unserer Region, was Funde in St. Jakob bei Polling und anderen Orten belegen. Die Menschen der Bronzezeit (2000 – 800 v. Chr.) hinterließen uns als Reste ihrer relativ dichten Besiedelung viele noch als Bodendenkmale erhaltene Hügelgräber, auch im Gemeindegebiet von Eglfing. Die Kelten entwickelten hier ab ca. 500 v. Chr. eine hoch stehende Kultur, die die Römer nicht zerstörten, sondern nur überlagerten und zum Teil auch übernahmen. Die keltischen Namen für unsere Flüsse wie Lech, Isar und Ammer wurden von den römischen Neusiedlern beispielsweise übernommen.
Die römische Organisation überzog unser Land mit Siedlungen und einem gut ausgebauten Straßennetz. Auch bei Eglfing und Tauting, sind Reste der Straße, die von Verona über den Brenner nach Augsburg führte, erhalten.
Gerade auch um die militärischen Truppen zu versorgen, wurden „Villa“ genannte Gutshöfe angelegt und systematische Landwirtschaft betrieben. Aus diesen „Villae“ vermutet man die Abstammung der Ortsnamen Weilheim und Wielenbach, Orte die wohl an der Römerstraße in der Nähe solcher römischen Villen entstanden. Zu der römisch – keltischen Mischbevölkerung siedelten - als militärische Hilfstruppen rekrutierte -germanische Bevölkerungsteile hinzu. In der röm. Provinz Raetien mit der Hauptstadt Augsburg, wozu auch unsere Umgebung gehörte, lebten die verschiedenstämmigen Bevölkerungsteile wohl lange weitgehend friedlich nebeneinander. Nur Einfälle von jenseits der Reichsgrenze am Limes störten den Frieden der Provinz
Als das Römische Reich im fünften nachchristlichen Jahrhundert unter dem Druck der durch die Völkerwanderung in Bewegung gekommenen germanischen Völker zusammenbrach, wurde die römische Führungsschicht aus Militär, Priesterschaft und Beamten nach Italien zurückgezogen, die „einfache“ Bevölkerung dürfte aber weitgehend hier geblieben sein.
Von der Römischen Provinz zum bairischen Land
In die obrigkeitlich frei gewordenen Gebiete siedelten sich nun Germanen an und über Generationen bildete sich eine einheitliche Bevölkerung heraus. Ob die „Baiuvarii“ nun ein geschlossen zugezogener Stamm oder eine Vermischung aus zugezogenen Germanen mit den verbliebenen keltisch – römischen Menschen sind, ist in der Wissenschaft bis heute umstritten.
Ziemlich sicher ist dagegen, dass die ehemalige Römerprovinz bis um 550 n. Chr. flächendeckend germanisch besiedelt war und gerade an günstig gelegenen Stellen, in der Nähe von Straßenzügen und nutzbarem Wasser, die in Sippen zusammengeschlossenen Germanen ihre Siedlungen gründeten. Die Ortsnamen setzten sich dann oft aus dem Namen eines Sippenobersten und dem Anhang –ing zusammen, was dann soviel bedeutete, wie „ bei den Leuten des ...“ in Eglfing eben eines Eglofs, in Tauting eines Tautos oder Tutos, in Polling eines Pollos usw.
Wenn also Eglfing nicht schon Siedlungsort von keltischen Menschen war, oder dort ein römisches Landgut bestanden hat, so ist spätestens in der Zeit zwischen 500 und 600 n. Chr. von einer Ortsgründung auszugehen und damit war Eglfing 807 schon ein als Gerichtsplatz würdiger traditioneller Ort. Dass die erste urkundliche Erwähnung Eglfings mit Kaiser Karl, der als Erneuerer des westlichen römischen Kaiserreichs gilt und für das Frankenreich in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht unglaublich viel geleistet hat und deshalb schon früh als „der Große“ in die Geschichtsschreibung einging, ist für Eglfing sicher ein Grund ein bisschen stolz zu sein.
Das Leben im frühen Mittelalter
Wie sehr sich die damalige Welt des frühen Mittelalters von unserer heutigen unterscheidet ist kaum vorstellbar. Ein Dorf wie Eglfing bestand damals aus 6-12 Bauernhöfen mit kaum einhundert Einwohnern, die praktisch alle von der Landwirtschaft lebten. Ein Herrenhof stand im Zentrum des Dorfes, dieser Hof wurde meist von einem „Mayr“ genannten Verwalter geführt. Die Besitzer der kleineren Höfe, die den Haupthof umgaben, wurden Huber (Halbhofbauer) oder Lechner (Viertelhofbauer) genannt und hatten, neben der Bewirtschaftung ihres eigenen Hofs, auf dem Herrenhof Frondienste zu leisten. Alle wesentlichen Handwerke vom Schmied bis zum Zimmerer wurden von verschiedenen Dorfbewohnern, die oft nebenbei noch kleine Landwirtschaften (Sölden) betrieben, ausgeübt. Man kam kaum je aus dem eigenen Dorf heraus und lebte fast ausschließlich von Selbsthergestelltem. Die einst freien wehrhaften Bauern konnten sich die für freie Männer verpflichtende soldatische Ausrüstung und die oft lange kriegsbedingte Abwesenheit vom Hof kaum noch leisten und begaben sich - zu dieser Zeit - vermehrt in die Abhängigkeit von Grundherren, die gegen den Bezug von Abgaben die militärischen Aufgaben übernahmen und langsam den Stand der Ritter bildeten Die Unfreiheit der Landbevölkerung steigerte sich aber mit den Jahrhunderten immer mehr, bis hin zur erst im 19. Jhdt. abgeschafften Leibeigenschaft. Die Menschen, die kaum älter als 45 Jahre wurden, bauten Getreide, aber auch Ackerbohnen, Erbsen, Linsen und Lein an. Der Ertrag war kaum 3Seite 3 von 5 besser als im Verhältnis 1:3 von Saatgut zu Ernte (d.h. etwa 6 Doppelzentner Getreide pro Hektar Anbaufläche). Zur Verbesserung der Erträge wurde um 800 n. Chr. die so genannte Dreifelderwirtschaft eingeführt. Kühe und Ochsen waren hauptsächlich Zugtiere und Fleischlieferanten, für die Milchproduktion wurden die genügsameren Ziegen und Schafe bevorzugt.
Die Häuser wurden aus Holz gebaut, da sie wärmer waren als Steinhäuser. Man errichtete Holzpfostenbauten ohne Fenster, die Wände wurden mit Lehm und Moos abgedichtet. Als Dacheindeckung wurde das lange Stroh des Getreides oder Schilf verwendet. Die Kirche als zentraler Ort des Dorfes war meist auch nur ein kleiner Holzbau, der aber im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vergrößert und ab dem hohen Mittelalter aus Stein gefertigt wurde. Das damals verbreitete Eigenkirchenwesen bedeutete, dass der Grundherr auch Stifter der Kirche und Arbeitgeber des Geistlichen war, eine Unsitte, die die Kirche erst im Hochmittelalter abschütteln konnte.
Kunst und Kultur blühten an den Fürstenhöfen und in den Klöstern, in der Musik begann die Kunst der Mehrstimmigkeit, die die europäische Musik in der ganzen Welt einmalig machte. Die Literatur brachte erste deutschsprachige Werke wie z.B. das „Wessobrunner Gebet“ hervor.
Das Leben der gewöhnlichen Menschen war aber außerordentlich hart und wir können dankbar sein, in der heutigen Zeit Leben zu dürfen, ein Leben dessen Bequemlichkeit sich damals nicht einmal der Kaiser vorstellen konnte.
Unabhängig von diesen historischen Betrachtungen haben die ersten Siedler Eglfings eine gute Wahl für ihren Siedlungsort getroffen. Die Eglfinger Bürger dürfen nämlich nicht nur stolz auf die lange Geschichte ihres Dorfes sein, sondern auch auf die - heute wie vor 1200 Jahren gleich –herrliche örtliche Lage der Gemeinde in der Landschaft unserer schönen Heimat, dem Pfaffenwinkel. Weitere Informationen im PDF. |
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